Donnerstag, 02. Juli 2009 um 17:03

Die Schulzeitverkürzung sorgt an Gymnasien für neue Probleme.


von HELMUT FRANGENBERG

In diesem Jahr könnten zwei Fünfen auf dem Zeugnis für Hunderte Schüler viel weitreichendere Folgen haben als in anderen Jahren. Neuntklässler im Gymnasium würden im Falle der Nichtversetzung auf den ersten Jahrgang treffen, der schon nach acht Jahren Abitur macht. Weil im Rahmen der Schulzeitverkürzung ein anderes Lernpensum abgearbeitet wird, könnten die Kinder in vielen Bereichen weiter sein als der Sitzenbleiber. „Die Defizite könnten nicht in ausreichendem Maße ausgeglichen werden", sagt der Sprecher des nordrhein-westfälischen Schulministeriums, Thomas Breuer. „Im Extremfall muss der Schüler zwei Jahre zurück."
 
Für Schüler, Eltern, aber auch Pädagogen ist das ein Horrorszenario: Ein Neuntklässler müsste mit zwei Jahre jüngeren Schülern nochmal die Klasse Acht beginnen. Das dürfte für viele der Einstieg in die totale Schulverweigerung bedeuten. „Die Probleme sind uns bewusst", sagt Breuer. Ein Zurückversetzen in die Acht müsse die absolute Ausnahme bleiben. Seine Empfehlung: Die Schulen sollten das Sitzenbleiben möglichst ganz verhindern.
Für den Umgang mit dem schwierigen Problem gibt es keine einheitliche Regelung, so dass die Kölner Gymnasien höchst unterschiedlich mit ihren versetzungsgefährdeten Schülern umgehen. Es habe „Hinweise" der Bezirksregierung gegeben, sagt die Sprecherin der Kölner Direktorenkonferenz, Monika Lindberg. An ihrer Schule, der Kalker Kaiserin-Theophanu-Schule, setzt man auf die intensive Förderung der gefährdeten Schüler. Möglichst jeder soll den Sprung in die Zehn schaffen.

Diese Vorgabe hat an vielen Gymnasien zu Initiativen geführt, die es für andere Schüler bislang nicht gab: Plötzlich sind zusätzliche Förderkurse und individuelle Angebote möglich, gegen die sich manches Lehrerkollegium lange Jahre gewehrt hat. Ob sie zur Dauereinrichtung werden, die sich viele Eltern für alle Schuljahre wünschen, ist längst nicht ausgemacht.
Doch auch die intensivste Förderung einzelner Schüler - in der Regel gibt es die zusätzlichen Angebote nur in den Hauptfächern - werden nicht verhindern können, dass Schüler sitzenbleiben werden. Um die doppelte Wiederholung zu vermeiden, haben offenbar Lehrer an einigen Schulen Eltern empfohlen, „vorsorglich" Anträge für einen Wechsel auf eine Realschule zu stellen. Das Problem: Für diesen Wechsel, der normalerweise in der Neun nicht möglich ist, gibt es eine Antragsfrist, die mit den Osterferien endete. In Familien, die darauf nicht aufmerksam gemacht wurden, ist nun die Verunsicherung groß.
Hinzu kommt, dass ein Schulformwechsel in Köln nur in sehr begrenztem Umfang möglich sein wird. Die Realschulklassen sind voll, die Gesamtschulen haben noch weniger Spielräume. Die Bezirksregierung verspricht, in jedem Einzelfall helfen zu wollen -auch nach dem Ende der Antragsfrist. „Wir wollen nicht, dass jemand wegen der schwierigen Situation auf der Strecke bleibt", sagt Behördensprecher August Gemünd. Was das genau bedeutet, sagt er nicht. Man müsse eben in jedem Einzelfall entscheiden.

Das ist auch den Schulen so vermittelt worden. Für klare Regelungen oder Verabredungen, die eine Gleichbehandlung aller Schüler sichergestellt hätten, fehlte offenbar die Zeit. Das Problem sei genau wie andere, die mit der Schulzeitverkürzung verbunden sind, nicht frühzeitig genug bedacht worden, kritisiert eine Schulleiterin die Landesregierung. Wie eine solche Regelung für alle hätte aussehen können, zeigt das Hansagymnasium, das als Modellschule schon ein Jahr früher mit der Umsetzung der Schulzeitverkürzung begonnen hat: Auch hier soll möglichst keiner sitzenbleiben. Diejenigen, bei denen die Förderung nicht in ausreichendem Maße hilft, sollen in keinem Fall zwei Jahre wiederholen. Sie beginnen nur das letzte Schuljahr von vorne und sollen dann beim Wiederholen der Klasse in einem speziellen Förderprogramm begleitet werden.

Aus Kölner Stadtanzeiger vom 23.04.2009