Dienstag, 11. August 2009 um 15:51

 

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Aus: Kitz-Magazin Juni/Juli 2009, München

Sinn und Zweck von Nachhilfe

Interview mit Thorsten Kerbs, Konrektor des Nachhilfeinstituts „die Hauslehrer"

Diplompsychologe Thorsten Kerbs, 43, ausgebildet unter anderem in körperorientierter Psychotherapie, arbeitete in zwei medizinischen Kliniken und in freier Praxis als Klinischer Psychologe, bevor er in München die Funktion als Konrektor des Nachhilfeinstituts „die hauslehrer" übernahm. „die hauslehrer" helfen Kindern, Jugendlichen, deren Eltern, aber auch Auszubildenden, Studenten und Berufstätigen nach einer bewährten pädagogisch-psychologischen Konzeption, wenn es zu Lernschwierigkeiten und Lernblockaden kommt. Kerbs ist verheiratet und hat zwei Kinder, er lebt in Tutzing.

Herr Kerbs, ist Nachhilfe nicht nur ein Luxus für Kinder, die eigentlich auf eine einfachere Schule gehören?

Ein klares Nein. Das ist die Denkweise, wie sie bedauerlicherweise in manchen Schulbehörden vorherrscht: dass Kinder ein bestimmtes Potential mitbringen, aufgrund dessen sie den schulischen Anforderungen genügen – oder eben nicht. Tun sie das nicht, müssen sie folgerichtig herabgestuft werden. Wir sollten immer im Hinterkopf haben, dass Deutschland für dieses Ausleseprinzip von der OECD im Rahmen der Auswertungen zur PISA-Studie in aller Form und Deutlichkeit kritisiert worden ist.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt keine dummen Kinder! Schulisches Lernen ist vielmehr ein soziales Geschehen, zu dem immer (mindestens) zwei Beteiligte gehören. Wenn der eine nicht lernt, muss der andere sich nach den Gründen fragen lassen. Offensichtlich wird in den Schulen in dieser Hinsicht viel versäumt. Die Folge ist, dass sich ein Nachhilfemarkt entwickelt, der die Mängel – mehr oder weniger gut und mehr oder weniger gerecht – kompensiert.

Das heißt also, die Lehrer sind schuld?

So einfach ist die Sache wohl nicht. Zumindest aus meiner Sicht liegt das Problem tiefer. Heute wissen wir viel über die kindliche Entwicklung und über kindliches Lernen, zu wenig davon findet aber seinen Weg in die Schulen. Und die Lehrer haben zu wenig eine pädagogische Haltung verinnerlicht, die C. G. Jung vor 100 Jahren als die innere Bereitschaft umschrieb, sich von den zu Erziehenden erziehen zu lassen. Viele Lehrer machen sich zu wenig klar, dass die Begegnung mit Kindern von Erwachsenen eine Veränderungsbereitschaft erfordert – und dass dies der persönlichen Entwicklung förderlich ist. Wer sich als Pädagoge diesen Aspekten seiner Arbeit widersetzt, endet – wie dies in den Kollegien bekanntlich nicht selten geschieht – letztlich in einer tiefen Desillusionierung, oder medizinisch gesprochen im Burn-Out.

Aber dafür studieren die Pädagogen doch, dass sie das Wissen um solche Zusammenhänge erwerben und in die Schulen hineintragen?

Lehrer erhalten ihre praktisch-pädagogische Ausbildung im Wesentlichen während des zweijährigen Referendariats. Man muss leider konstatieren, dass diese Phase durchzogen ist von Entmutigungs- und Erniedigungsritualen. Es ist nur verständlich, wenn Lehrer nach solchen initialen Berufserlebnissen ein Grundgefühl der Hilflosigkeit in sich tragen. Aber mit einer solchen Prägung ist es natürlich schwierig, Kinder mit ansteckender Begeisterung die Freude am Lernen zu vermitteln und ihre persönliche Entwicklung zu innerer Unabhängigkeit zu unterstützen.

Welche pädagogischen Grundsätze würden Sie denn stattdessen in Geltung bringen?

Lernen findet in der Regel auf der Basis von selbst gemachten Erfahrungen statt. Maria Montessoris altbewährter Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun" gilt nicht nur für die ganz Kleinen, sondern erweist sich bis hin zur späten Berufstätigkeit als extrem motivationsförderliche und tragfähige Grundidee. Außerdem ist es ja hinreichend bekannt, dass unsere Schulen, und das meint natürlich auch: die Kollegien, mehr Handlungsspielraum benötigen, um den Schul- und Unterrichtsalltag im wünschenswerten Sinne gestalten zu können. Auch die Kollegien und Rektoren müssen erheblich mehr „selbst tun" und verantworten dürfen. So entsteht Lust am Gestalten, an der Entwicklung – und nur die wirkt ansteckend auf Kinder.

Und solange diese Voraussetzungen fehlen, sollen also die Nachhilfelehrer alles ausgleichen …

Nur tun sie das in der Regel nicht. Nachhilfeinstitute sind zu häufig nur Paukinstitute, die sich nicht mit den Gründen für die Lernblockaden des Kindes befassen. Hinter denen stecken ja oft ganz andere Gründe als intellektuelle Defizite oder vermeintlich fehlende Motivation. In der Regel sind die Kinder, wenn wir als Nachhilfelehrer gerufen werden, schon so entmutigt, dass sie ohnehin keinen klaren Gedanken mehr fassen können – selbst wenn sie noch so intelligent und motiviert sind. Im Übrigen haben wir es ziemlich häufig mit solchen Schülern zu tun, die eher zu kreativ und reflektiert für den auf das Durchschnittskind hin ausgerichteten Schulbetrieb sind. In der Regel steht erstmal auf der Tagesordnung, dem Kind sehr viel zuzuhören und es durch ein aufrichtiges Interesse an seiner Person innerlich wieder aufzubauen.

Die Nachhilfelehrer sollen dem Kind also neben ihrem Fachwissen auch Anerkennung vermitteln?

Ja, unbedingt. Wir versuchen als erstes einmal Ordnung in das große Durcheinander zu bringen, das in Kindern mit Schulschwierigkeiten meist entstanden ist. Diese Kinder setzen ihren Selbstwert gleich mit ihrem aktuellen Schulerfolg, d.h. auch frühere Erfolge spielen im Hier und Jetzt keine Rolle mehr. Durch eine passende Lehrer Kind-Beziehung lässt sich der verquere Blick auf die Dinge wieder zurechtrücken, sodass sich daraus eine veränderte Haltung zu sich selbst ergibt. „Ja, meine Noten stimmen nicht. Ich bin aber mehr als nur mein momentaner Schulerfolg, und vor allem weiß ich jetzt, was ich tun kann, um auf meinen Schulerfolg aktiv Einfluss zu nehmen."

Das klingt jetzt aber sehr nach Wellness für die kindliche Seele!

Wenn Sie so wollen, aber warum eigentlich nicht? Es ist aus der Lehr-Lern-Forschung und übrigens auch der Hirnforschung recht gut bekannt, dass Kinder eigenständiges und reflektiertes Denken nur im Zuge eines qualitativ hochwertigen Beziehungsgeschehens lernen können. Das bildet und stärkt gleichermaßen. Und, ja, es fühlt sich auch recht gut an.

Wie kann denn dabei konkret das kindliche Selbstbewusstsein gestärkt werden?

Kinder lernen nicht nur aus unseren Worten, sondern mehr noch aus der inneren Haltung ihrer Bezugspersonen – je kleiner das Kind, desto stärker gilt dieses Prinzip. Ein Lehrer ist also dann gut, wenn er sich wirklich auf ein Kind einzulassen vermag, vor allem um dessen Potential erkennen zu können. Das ist angesichts all der im Raume stehenden Defizite und der jeweiligen Befürchtungen und Besorgnisse keine geringe Aufgabe. Gelingt das aber, wächst das Kind förmlich in diese Vision hinein. Das gilt übrigens keineswegs nur für die Nachhilfesituation, sondern ganz generell für den Kontakt zwischen Menschen, ob sie nun groß oder klein sind.