03. Dezember 2009, 08:59 Uhr

Bildungsungerechtigkeit

Mehr als 100.000 Schüler sind an ihrer Schule falsch

Von Markus Verbeet

Gymnasium oder nicht? Am Ende der Grundschulzeit werden die Kinder in Deutschland
auseinander sortiert. Ein Hannoveraner Schulforscher hat die Empfehlungen der Lehrer
analysiert und bestätigt einen erschreckenden Befund: Ein Drittel aller Kinder landet an einer
ungeeigneten weiterführenden Schule.



Schulforscher sprechen von einer wichtigen Weichenstellung, für manche Eltern ist es gar eine
Schicksalsfrage: Welche weiterführende Schule empfehlen die Grundschullehrer einem Kind? Das Urteil der
Lehrer ist so wichtig, weil Deutschland seine Kinder viel früher als andere Staaten auf verschiedene
Schulformen sortiert. Nur leider ist das Urteil, so das Ergebnis einer neuen Studie, die SPIEGEL ONLINE
vorliegt, häufig falsch.
Nach Berechnungen des Erziehungswissenschaftlers Joachim Tiedemann aus Hannover werden
Hunderttausende Schüler von Grundschullehrern in die Irre geleitet: Sie werden vom Gymnasium
ferngehalten, obwohl sie geeignet seien, oder zum Gymnasium geschickt, obwohl sie ungeeignet seien.
Somit gehen 37 von 100 Kindern nach dem Übertritt zur falschen weiterführenden Schule. "Mehr als ein
Drittel der Schülerinnen und Schüler wird fehlplatziert", sagt Tiedemann. "Pro Geburtenjahrgang sind
sechsstellige Schülerzahlen in dieser Weise betroffen", so der Psychologieprofessor im Ruhestand.
Angesichts der Fehlerquote plädiert Tiedemann dafür, Kinder nicht bereits nach der vierten Schulklasse zu
trennen, wie es in den meisten Bundesländern der Fall ist. Er will also nicht bessere Empfehlungen,
sondern gar keine mehr - jedenfalls nicht schon am Ende der vierten Klasse. Der Wissenschaftler stellt in
der Studie fest, dass "der Versuch einer Optimierung der Übergangsempfehlung als weitgehend ausgereizt
betrachtet wird".
Forscher für längeres gemeinsames Lernen
Mit anderen Worten: Weil doch immer falsch sortiert wird, ist es falsch zu sortieren. Die Grundschule
müsste also deutlich länger als bisher dauern. "Die vorliegende Analyse dokumentiert deutlich die
Fehleranfälligkeit und damit den nur begrenzten Nutzen des vorliegenden diagnostischen
Instrumentariums, das für individuelle Entscheidungen von weitreichender Tragweite ungeeignet ist",
schreibt Tiedemann und fragt: "Ist die Zeit reif für eine Abkehr von der bislang geübten
Selektionsstrategie?"
Erst im August hatten das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung festgestellt, dass
jedes dritte Kind die falsche Schulempfehlung erhält. Zweifel an den
Empfehlungen gibt es allerdings schon länger. Sie werden unter anderem kritisiert, weil sie ein Kind
benachteiligen, wenn in seiner Klasse viele gute Schüler sind. In diesem Fall sinkt nach Erkenntnissen von
Forschern die Wahrscheinlichkeit, dass es
eine Empfehlung fürs Gymnasium erhält. "Wenn leistungsstarke
Klassenkameraden ein Nachteil sind", haben etwa die Bildungsforscher Ulrich Trautwein und Franz
Baeriswyl einen Aufsatz überschrieben.
Ihre Untersuchung bezog sich auf 741 Schüler des Schweizer Kantons Freiburg. Das Fazit: "Bei gleicher
individueller Testleistung erhielt ein Schüler oder eine Schülerin eine schlechtere Lernstandsbeurteilung
sowie eine ungünstigere Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit", wenn die Schüler seiner Klasse
im Durchschnitt besonders gute Leistungen zeigten.
Egal ob Eltern oder Lehrer entscheiden - die Wahl ist oft falsch
Darüber hinaus haben diverse Studien gezeigt: Bei gleichen Leistungen haben Kinder gegenwärtig immer
dann bessere Chancen, aufs Gymnasium geschickt zu werden, wenn auch ihre Eltern Abitur haben. Das
Problem lässt sich auch nicht dadurch lösen, dass die Eltern statt der Lehrer das letzte Wort bekommen.
Entscheiden die Lehrer über die weitere Schullaufbahn, geht es ungerecht zu, weil Kinder aus bestimmten
Elternhäusern bevorzugt werden. Entscheiden aber die Eltern selbst, wird es noch ungerechter - dann
hängt es noch stärker vom Elternhaus ab.
Viele Eltern sehen überhaupt nicht ein, warum sie nicht selbst entscheiden sollten. Sie können sich auf eine
Studie des Forschers Rainer Block berufen, die er als Mitarbeiter der Universität Duisburg-Essen erstellt
hat. Block wettert gegen die Empfehlungen der Lehrer, ausdrücklich aber nicht gegen die Lehrer. Die
könnten nichts dafür, dass ihre Urteile nicht besser seien. "Weder ist die Vermittlung entsprechender
Diagnostik- und Prognosekompetenzen Bestandteil der universitären Lehrerausbildung", meint Block, "noch
gehören Kaffeesatzlesen und Hellseherei zum verpflichtenden Fortbildungsprogramm von Lehrern."
Lehrer schlagen den Zufallsgenerator, wenn auch nur knapp
Die Bundesländer treffen höchst unterschiedliche Regelungen über die Verbindlichkeit der Lehrerurteile. In
acht Ländern haben die Lehrer das letzte Wort, in den anderen acht die Eltern, und fast überall gibt es
regelmäßig Streit über die Schülerauslese. In Hamburg
war soeben ein Volksbegehren erfolgreich: Rund
184.000 Menschen unterschrieben unter anderem gegen eine neue Regelung im Schulgesetz, die den
Lehrern das Entscheidungsrecht beim Wechsel auf die weiterführende Schule gibt. Im Saarland hat
Kultusminister Klaus Kessler in dieser Woche angekündigt, dass künftig die Eltern nach einem Gespräch mit
den Grundschullehrern die Entscheidung treffen.
Wissenschaftler Tiedemann will mit seinen Berechnungen zeigen, wie häufig falsche Empfehlungen
tatsächlich sind. "Wenn auch die Übergangsempfehlungen aus mehreren Gründen in der Kritik stehen, so
ist die Größenordnung der damit verbundenen Fehlentscheidungen bislang kaum intensiver analysiert
worden", schreibt er. Seinen Modellrechnungen liegt die Annahme zugrunde, dass jedes zweite Kind fürs
Gymnasium geeignet ist.
Diese Quote entspricht ungefähr den Einschätzungen der Lehrer in Bayern; nach dem kürzlich vorgestellten
Bildungsbericht des Kultusministeriums haben 48 Prozent der bayerischen Viertklässler eine Empfehlung
fürs Gymnasium erhalten. Tiedemann würde den Kindern diese Prozedur gern ersparen. Wer seine Studie
liest, hat den Eindruck von einem großen Schülerlotto am Ende der Grundschulzeit. Da kann es kaum
trösten, dass der Wissenschaftler gleich auf der ersten Seite seiner Studie festhält: "Die Empfehlung ist
treffsicherer als eine Zufallszuweisung."

Bildungs-Ungerechtigkeit: Jedes dritte Kind geht auf die falsche Schule (26.08.2009)

URL: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,664248,00.html