Die Vielfältigkeit von Lernproblemen
Veröffentlicht am 12.12.2016
Bei Lernproblemen fällt häufig die einseitige Betrachtungsweise – mit Blick auf den defizitären Schüler – auf. Die Hinterfragung möglicher fachlicher Mängel der Lehrkraft hingegen lässt häufig zu wünschen übrig.
Kurz wie treffend gesagt: Lernstörungen sind stets das Ergebnis vielschichtiger Wechselwirkungen, welche sich einerseits aus gewissen Merkmalen (z. B. Ethnie, Geschlecht) eines jungen Menschen und andererseits seiner Umwelt zusammensetzen.
Beispiel: Ein Schüler der dritten Klasse hat in einem bestimmten Fach defizitäres Wissen, welches seitens der Lehrkraft weder angemessen erkannt noch durch entsprechende Fördermaßnahmen ausgeglichen wird. Folglich ist dies ein Aspekt der Entstehung einer späteren Lernstörung.
Treffende Angaben zur Häufigkeit Betroffener mit Lernschwierigkeiten zu machen stellt eine enorme Herausforderung dar. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass diese Erscheinung keine Ausnahme ist.
In der Literatur finden sich relative Häufigkeiten des Vorkommens spezifischer Störungen der Rechtschreibung und des Rechnens von jeweils ca. acht bzw. vier Prozent eines Jahrgangs.
Bezüglich Dyskalkulie werden Prävalenzraten zwischen etwa drei und acht Prozent genannt. Ferner gibt es offenkundig keine eindeutigen geschlechtsspezifischen Prävalenzraten bei diesem Verständnisproblem bei mathematischen Grundlagen.
Probleme beim Lernen werden verschiedenartig benannt. Im deutschen Wortschatz finden sich hierzu eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe, die Gleiches oder Unterschiedliches aussagen. Begriffe wie „Lernschwierigkeit“, „Lernbeeinträchtigung“, „Lernstörung“, „Lernversagen“, „Lernbehinderung“, „Legasthenie“, „Rechenschwäche“, „Dyskalkulie“, „Lernbehinderung“ oder „Leistungsversagen“ unterscheiden sich je nach der Sichtweise auf die Problematik.
Zunächst einmal möchte ich mich mit der näheren Begriffsbestimmung der „Lernschwierigkeit“ befassen. Denn diese Bezeichnung stellt ein allgemeines und zugleich offenes Feld, eine Art Oberbegriff dar.
„Von Lernschwierigkeiten spricht man im Allgemeinen, wenn die Leistungen eines Schülers unterhalb der tolerierbaren Abweichungen von verbindlichen institutionellen, sozialen, individuellen Bezugsnomen (Standards, Anforderungen, Erwartungen) liegen oder wenn das Erreichen (bzw. Verfehlen) von Standards mit Belastungen verbunden ist, die zu unerwünschten Nebenwirkungen im Verhalten, Erleben oder in der Persönlichkeitsentwicklung des Lernenden führen.“ [1]
„Lernschwierigkeiten sind Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit Lernanforderungen aller Art, die sich in minderen Schulleistungen beim Lesen, in der Rechtschreibung und / oder beim Rechnen niederschlagen. Auch langsame und schwache Lerner lassen sich darunter subsumieren.“[2]
Diese Begriffsdefinitionen beschreiben Lernschwierigkeiten als Diskrepanz zwischen der Leistungsanforderung und dem -bemühen des Schüler, welche im Sinne eines Lernfortschritts aufgehoben werden sollte. Dabei bleibt für diesen Oberbegriff die Klärung der genaueren Ursache (Diagnose) für dieses Missverhältnis offen, um zielführend dem Problem entgegenzuwirken.
In Abgrenzung zu Lernschwierigkeiten steht der Begriff der Lernbehinderung. Eine Lernbehinderung impliziert sonderpädagogische Fördermaßnahmen für die Schüler an entsprechenden Schulen oder für so genannte „Integrativkinder“ an Regelschulen. Vor dem Besuch einer solche Schulform steht ein spezielles Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Einerseits wird ein erhebliches Schulleistungsversagen (Leistungsrückstand von über zwei Schuljahren), andererseits ein Defizit in der allgemeinen Intelligenz (IQ-Werte zwischen 55 und 85) vorausgesetzt. Durch diese klaren diagnostischen Anforderungen grenzt die Lernbehinderung sich als schwere Form des Schulversagens von allen anderen o. g. Sammel-Begriffen für die Lernproblematik ab.
Lernstörungen fallen also im Vergleich zu Lernbehinderungen schwächer aus. Allerdings macht die Schwere nicht den entscheidenden Unterschied aus, denn Lernstörungen hängen nicht unbedingt mit mangelnder allgemeiner Intelligenz zusammen. Lernstörungen können beim Lesen oder in der Rechtschreibung, in Form von Lese-Rechtschreibe-Schwäche (LRS) oder Legasthenie oder beim Rechnen als Dyskalkulie auftreten, obwohl wegen IQ-Werten über 70 Punkten für allgemeine Intelligenz davon nicht auszugehen wäre.
[1] Weinert, F. E. & Zielinski, W. (1977). Lernschwierigkeiten: Schwierigkeiten des Schülers oder der Schule? Unterrichtswissenschaft. Weinheim: Beltz. S. 292.
[2] GOLD, A. (2011): Lernschwierigkeiten. Ursachen, Diagnostik, Intervention. In: HASSELHORN, Marcus et al.: Standards Psychologie. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH & Co KG. S. 18.